A.O.S.-Intern: 

Axel Oberhage und die Lautsprecher: ein Rückblick und eine Art Selbstbiographie.

Foto: A.O. auf "hoher" See

Die Idee, mich mit Lautsprechern zu beschäftigen, kam während der Studienzeit. Musik wurde bis zum
Abwinken gehört, aber für vernünftige Lautsprecher gab es kein Budget. Die ersten Boxen wurden nach 
technischen Daten aus dem Katalog gekauft. Die Holzgitterkästen spotteten akustisch gesehen jeder 
Beschreibung. Im Innern fand sich ein ovaler Billigbass, so was ähnliches wie ein Hochtöner, ein Kondensator
und etwas Glaswolle.

Das war anno 1969. Vor kurzem (2004) habe ich einen 3-Wege Lautsprecher aus einer Kompaktanlage von SONY
aufgemacht. Das Gehäuse war leer, der Hochtöner war eine Attrappe, der Mitteltöner ein lausiger Hochtöner und
die Frequenzweiche bestand aus einem winzigen Kondensator. 35 Jahre Fortschritt!

Zurück ins Jahr 1969: von da an war statt Kauf nur noch Selbstbau angesagt.

In der Fachliteratur der frühen 70er Jahre war wenig Hilfreiches zu finden. Learning by doing war angesagt. Den
Mitten- und Hochtonbereich konnte man damals schon ganz gut in den Griff bekommen. Als jede Mark umgedreht
werden musste, versuchte ich es mit Heco und Isophon. In der letzten Entwicklungsstufe - vor der englischen Epoche -
hatte ich meine ersten Scan Speak 21 W mit Alnico Magnet für sündhaft viel Geld eingekauft. Muss aber zugeben,
es waren die ersten Eigenbau-Lautsprecher die wirklich gut waren.

Nahezu perfekt wurde es, als die ersten englischen Bausätze von KEF angeboten wurden: der legendäre Ovalbaß 
B139 mit seiner Membran aus Styropor machte alle weichen Papierbässe platt. Mitteltöner mit Kunststoffmembranen
brachten gut klingende Mitten. In englischen Zeitschriften konnte man interessante Bauvorschläge nachlesen. In
Deutschland wurde die Selbstbauszene aktiv. Anfang der 80er Jahre habe ich mit meiner Firma "a+o electronics",
vor allem die englisch orientierten Lautsprecher kultiviert. 

In 1983 konnte ich die ersten FOCAL- Kits vom Festival du Son mitbringen und veröffentlichte einen Artikel über die
kleine FOCAL 250DB, die erste Box mit Doppelschwingspulen-Bass. Auch wenn dieser Bausatz ein beachtlicher 
Erfolg war, hatte ich wenig Lust in das französische Bausatzprogramm einzusteigen. Die generelle Linie passte nicht 
zu meinem Musik-Verständnis, ich blieb auf der englischen Schiene.

Irgendwann hörte ich dann eine IMF Transmission Line von John Wright. Das war das Schlüsselerlebnis! So einen 
Bass hatte ich noch nie gehört, aber immer schon erträumt. Die TLS 80, damals so um die 4 Tausend Mark teuer,
habe ich sofort gekauft, zerlegt, vermessen und einen Bauplan gezeichnet. Die Frequenzweichen wurden zerlegt
und ausgemessen. FALCON ACOUSTICS in England, hat die Weichen dann für uns produziert. Die alten Chassis,
die IMF ursprünglich verwendet hat, die KEF B 139, B 110 A und die CELESTION Hochtöner, hatte ich bereits im 
Vertriebs-Programm. Ab diesem Zeitpunkt haben wir IMF-Transmission Line Kopien als Bausatz angeboten und
massenhaft in Deutschland verkauft. Der Vertrieb für die Fertigboxen in Deutschland hat den Vertrieb eingestellt. Es
wurden fast nur noch Bausätze gekauft. Uns wir wurden der neue Vertrieb von IMF.

Ein paar Jahre später, IMF war schon vom Markt verschwunden, hat sich John Wright, als Gründer der Marke 
TDL Electronics, bei uns gemeldet und gefragt, ob wir den Vertrieb wieder übernehmen wollten.
Das Ergebnis: zehn
Jahre lang hatten wir den TDL-Vertrieb in Deutschland. Damals haben wir begonnen Lautsprecher auch selbst zu
entwickeln und haben die TDL Fertigboxen mit John Wright aktualisiert und immer wieder verbessert. Beispiel:
die MC (MONITOR COMPACT, die Selbstbau-Version der TDL MONITOR TL).

Die MONITOR TL hat in der internationalen HiFi-Presse tolle Kritiken eingefahren. Auch in Deutschland bei der
Audio
und der Stereoplay. Die MC hat bei Bausatztests in der Stereoplay, Klang und Ton, Elektor die tollsten
Beurteilungen bekommen. Es wurden weit über tausend Paar MC verkauft. Trotzdem haben wir beharrlich weiter
optimiert. Es entstanden die MC II, die MC IIa und ab 1992/93 folgte ein radikaler Neuanfang mit Verbesserungen
im Mittenbereich. Radikal deshalb, weil mit neuen, härteren Materialien die weichzeichnende Polypropylene-Phase
ein Ende hatte.

Präzision im Mittenbereich, statt sanft-weichem Klangbild war angesagt. Es folgte die ASCOT. In 1996 gelang es
uns mit SCAN SPEAK einen weiteren "Quantensprung" mit Papier-Karbon-Membranen zu schaffen. Der 18W16545K
hat eine steife, resonanzfreie Membran, gross genug für einen ausgewogenen Grundtonbereich, leicht genug für ein
perfektes Impulsverhalten.

Im Hochtonbereich wurde endlich, nach gut 10 Jahren Dauereinsatz, die betagten Metallmembran-Hochtöner durch
die filigranen, ferrofluidfreien High-End Seiden-Kalotten D 2905/9700 ersetzt. Dieser Schritt war genauso gravierend
wie die Änderungen im Mittenbereich. Das war unser Flaggschiff, die STUDIO 90 TL. Heute, im Jahr 2004, haben wir
uns mittlerweile auch noch von dem letzten Überbleibsel von TDL getrennt: der Ovalbass wurde durch einen 10" Bass
von ATC ersetzt und im Hochtonbereich sitzt mittlerweile die weltbeste Metallkalotte, die Scan Speak D 2904/9800
oder alternativ der ultimative Ringradiator R 2904/7000.

Zum großen Bedauern einer sicherlich beachtlichen Schar eingefleischter TL-Fans, ist John Wright am 1.Juni 1999
nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Wir waren lange Jahre freundschaftlich miteinander verbunden. Ich konnte
viel von seinen Erfahrungen übernehmen und habe eine Menge von ihm gelernt.
Ich werde John's Ideen weiterführen und
die Transmission-Line Technik auch weiterhin hegen und pflegen.

Starnberg, im März 2001 (update Dez. 2004)